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Was ist ein Rayonhaus?

| ra|yon [ra'jõ:] ‹lat.-fr.› der; -s, -s: 
1. (hist.) Vorfeld von Festungen 
2. (veraltet) Bezirk, Kreis – im weitesten Sinne also Ring


Sie stehen mitten in Magdeburg: 80 kleine Fachwerkhäuser, oft mit Hof, Garten, einem alten Baum. Wer genauer hinsieht, stellt fest, dass ihre Verteilung eine Art Halbkreis bildet, einen Ring um das Zentrum.         Die Rayonhäuser, auf ihre Weise einmalig in Europa, sind ein besonderes Erbe unserer Stadtgeschichte.

Magdeburg war lange Militärstadt, zeitweise die stärkste Festung Preußens. Bastionen und Kasematten nahmen mehr Platz ein als die Bürgerhäuser. Dazu kam das so genannte „Glacisvorfeld“: ein brachgelegter Streifen vor den Wehranlagen, der Kanonen und Gewehren freies Schussfeld bieten sollte – und dem Feind keine Deckung. Ende des 18. Jahrhunderts wurde dieser Streifen auf 1.300 Schritte erweitert, innerhalb derer kein Haus, keine Mauer, kein Graben oder Wall stehen durfte. Dieses Schussfeld hieß Rayon.

Die Bürger indes achteten die Vorschriften des Königs längst nicht immer mit „preußischem“ Gehorsam und legten auf dem ungenutzten Land direkt vor den Toren der Stadt Gärten an, kleine Häuschen. Derweil entwickelte sich die Reichweite der Waffen rasant, und so kam es, dass während der französischen Besetzung Magdeburgs (1806 – 1814) Kaiser Napoleon eine rabiate Maßnahme befahl: Das Kloster Berge, das alte Sudenburg und zwei Drittel der damaligen Neustadt wurden abgerissen, insgesamt mehr als 400 Häuser, Kirchen, Hospitäler. Zugleich jedoch kam er den Magdeburgern entgegen und erlaubte ihnen, den stark erweiterten Rayon zu nutzen – unter einer Bedingung: Alles, was sie dort anlegten, musste im Fall eines Angriffs schnell abgerissen, das Baumaterial beseitigt werden können. Und um im kritischen Moment keine bösen Überraschungen zu erleben, das Terrain auch wirklich rasch „dem Erdboden gleichmachen“ zu können, wurden detaillierte Bestimmungen erlassen, wie ein solches „Rayonhaus“ konstruiert zu sein hatte.

Erlaubt waren ausschließlich Fachwerkbauten mit bis zu zwei Geschossen. Die Wände und damit die Balken durften nicht dicker als 15 cm sein. Bei der Verzapfung wurden weder Holznägel noch Metallwinkel eingesetzt – beides hätte das Auseinandernehmen und den Abtransport der Balken verzögert. Außerdem war die Anlage eines Kellers verbindlich, der jedoch kein Gewölbe haben durfte. Bei Alarm wurde er zur Grube, in die wertloser Abrissschutt gefüllt werden konnte, statt ihn mühsam aus dem Feld zu bringen. Ein weiterer Unterschied zum klassischen Fachwerkhaus bestand schließlich darin, dass üblicherweise statt des harten, teuren Eichenholzes Kiefer verwendet wurde.

Damit waren die Konstruktionsprinzipien eines Rayonhauses festgelegt.

Die tatsächliche Lage und Ausführung derjenigen jedoch, die heute noch zu besichtigen sind, verweist auf ein späteres historisches Ereignis: die Einigung Deutschlands 1871. In jenem Jahr unterteilte das „Reichsrayongesetz“ das Mauervorfeld in drei Zonen. Im „1. Rayon“, einem Streifen von 600 Metern vor der äußersten Festungshöhe, durften nur noch einfache Holz- oder Blechschuppen stehen. Die eigentlichen Rayonhäuser hingegen wurden in den „2. Rayon“ verbannt, der bis 1.000 Metern reichte, während im abermals davor gelagerten „3. Rayon“ lediglich die Ausrichtung der Straßen vorgeschrieben war. Deshalb wird, wer heute ein Rayonhaus sucht, nur im ehemaligen 2. Rayon fündig: Die einfachen Schuppen im ersten sind verschwunden, während die Bestimmungen für den 3. diese spezielle Bauweise nicht erforderlich machten.

In der mittleren Zone aber war jetzt eine Bauhöhe von 13 Metern zulässig, was für mehrere Geschosse reichte – vorausgesetzt, der Keller war groß genug, den bei der Demontage anfallenden Schutt aufzunehmen. Auch durfte der massive Gebäudesockel nicht mehr als 30 Zentimeter über die „Geländeoberkante“ ragen, um einem Feind keine Deckung zu geben. Unter diesen Vorgaben entwarfen geschickte Architekten nun nicht mehr nur einfache Wohnhäuschen, sondern auch geräumige Villen, Mietshäuser, ja sogar Fabrikgebäude – deren Unterkellerung Deckenhöhen bis zu 3,5 Metern erreichte.

Allein, schon wenig später wurde klar, dass die alten Stadtfestungen nicht mehr zeitgemäß waren, dem Angriff einer modernen Armee nicht widerstehen konnten. Sie wurden abgerüstet, vielerorts aus den Bastionen Grüngürtel oder Ringstraßen. 1891 fiel das Reichsrayongesetz, 1912 die letzte Nachfolgebestimmung. Die Zeit der Rayonhäuser war abgelaufen und die meisten fielen den Modernisierungsschüben und Zerstörungen zum Opfer, die Magdeburg im 20. Jahrhundert erlebte. Etwa 45 dieser eigentümlichen Zeugen Magdeburger Stadtgeschichte jedoch blieben erhalten, rund 30 davon wurden inzwischen restauriert. Heute wohnen in ihnen wieder Familien außerhalb der städtischen Normalbauten, haben Kunsthandwerker ihre Ateliers, Kneiper geschichtsträchtige Lokale.


| Ausführliche Informationen über Rayonhäuser in Magdeburg finden Sie auch auf der Website:
"Die Rayonhäuser in Magdeburg".